Allein die Menge macht das Gift

Bereits Paracelsus (1493–1541) wusste „Allein die Menge macht das Gift“. Was so anschaulich für viele chemische Verbindung gilt, gilt genauso für Netzneutralität (eine schöne Einführung in das Thema liefert der Elektrische Reporter).

In seinem aktuellen Blogbeitrag schreibt Thomas Stadler über die Problematik der Netzneutralität. Darin bezweifelt er, dass „eine gesetzliche Regelung so trennscharf formuliert werden kann, dass eine Beeinträchtigung der legitimen wirtschaftlichen Interessen der Provider verhindert werden kann“. Er führt als Beleg an, dass ein gesetzlicher Zwang zur Netzneutralität die unterschiedlichen Preise für verschiedene Bandbreiten verbieten würde.

Ich kann dieser Argumentation nicht folgen.

Netzneutralität sagt eben nicht aus, dass alle Nutzer gleich behandelt werden, sondern dass alle übermittelten Datenpakete gleich behandelt werden. Oder um eine Methapher aus dem oben verlinkten Video des Elektrischen Reporters zu klauen: Wer mehr Strom verbraucht, muss dafür auch zahlen; aber der Strom kostet pro Kilowattstunde den selben Preis, egal ob mein Fernseher von Panasonic oder Sony ist.

Warum wollen ISP keine Netzneutralität?

Diese Frage ist leicht zu beantworten: Geld. Wenn man Google, Facebook und Co. dazu zwingen kann Geld für einen besseren Service zu bezahlen, lohnt sich das. Ohne große Investitionen kann man leicht viel Geld in die Kassen spülen. Dabei würden Google und Facebook nicht mal schlecht weg kommen, denn sie können sich diese Abgaben leisten und durch die höhere Qualität ihre Marktmacht zementieren. Zwar könnte man das Geld auch einfach durch höhere Preise für die Internetanschlüsse oder die Wiedereinführung von Volumentarifen erwirtschaften, aber die ISP haben sich in einem gnadenlosen Preiswettkampf diese Option selbst weggenommen.

Gründe für die Netzneutralität

Die Netzneutralität würde garantieren, dass es keine Diskriminierung im Internet gibt. Ein neuer, innovativer Netzdienst hätte die gleichen Chancen der nächste Big Player zu werden, wie einstmals Google und Facebook. Entgelder, die von Dienstanbietern bezahlt werden müssten, würden hingegen den Markt gegenüber Newcomern abschotten. Das erklärt auch, warum Google, Facebook und Co. sich nicht sonderlich für Netzneutralität engagieren.

Gründe gegen die Netzneutralität

Die gesetzliche Gleichbehandlung aller Daten hat aber auch ihre Tücken, wenn auch nicht die von Herrn Stadler beschriebene Problematik der Bandbreitenvergütung; man kann Netzneutralität ausreichend klar spezifizieren – auch juristisch. Viel problematischer ist auch hier die Hemmung von Innovationen, was uns direkt zum Buzzword „Quality of Service“ bringt. QoS beschreibt eben jene Ungleichbehandlung von Daten durch die Schaffung von Dienstklassen. Datenströme in höheren Dienstklassen werden dabei besser behandelt als Datenströme niederer Dienstklassen. Das ist per se nicht schlecht, weil so z.B. eine Email um wenige Sekunden verzögert werden kann, wenn dadurch bei einem anderen Teilnehmer das Leerlaufen eines Videopuffers verhindert werden kann.

Besonders interessant sind hier Dienste mit harten Echtzeitanforderungen. Wenn bei einer Videokonferenz mal kutz das Bild hängt, ist das unschön; wenn hingegen bei der Telemedizin die Gefahr droht, dass der Chirurg anfängt zu laggen, schließt das die Anwendung der Telemedizin in diesem Rahmen bereits vollkommen aus. Innovationen, die harte Echtzeitanforderungen haben, könnten bei einer gesetzlich verankerten absoluten Netzneutralität somit vollkommen unmöglich gemacht werden. Es bliebe zwar noch die Möglichkeit dedizierte Datenleitungen außerhalb des Internets zu nutzen, aber das wäre lediglich für einen winzigen Anwendungsbereich bezahlbar. Echtzeitgarantien lassen sich auch durch einen noch so großzügigen Ausbau des Internets nicht bei absoluter Netzneutralität garantieren.

Fazit

Wer wirklich Innovationen fördern will, muss Netzneutralität in einem gesunden Maß fordern. Beide Ideen –  Netzneutralität und Quality of Service – stammen aus der Urzeit des Internets. Jedes Datenpaket, das über das Internet versendet wird, trägt im Header ein Feld „Type of Service“ (zwischenzeitlich umbenannt in „Differentiated Services Code Point“, „Traffic Class“ in IPv6). Dieses Feld ist fester Bestandteilt des Internetprotokols und war dazu gedacht Echtzeitdatenverbindungen zu realisieren, sollten sie einmal benötigt werden.

Das scheinbare Dilemma von unmöglichen Echtzeitgarantien einerseits und entartetem Monopolinternet andererseits lässt sich aber lösen. Solange nur ein kleiner Teil der Gesamtbandbreite für QoS genutzt werden darf, kann keine Monopolisierung stattfinden. Die Bandbreite muss also aufgespaltet werden einen freien Teil, in dem absolute Netzneutralität gilt und einen QoS Teil, in dem die Provider – gegen erhöhtes Entgeld – Echtzeitgarantien anbieten dürfen.

Bleibt die Frage, wer diese Aufteilung fair festlegen soll. In Deutschland haben wir bereits eine Behörde, die viel Erfahrung mit der Regulierung von Netzen hat und sich im Kampf gegen Monopolisten bereits behauptet hat: die Bundesnetzagentur. Man könnte zunächst einen winzigen Teil des Netzes (sagen wir 1% der Bandbreite) für QoS freigeben und den Rest vollkommen Netzneutral machen. Monatlich kann die Bundesnetzagentur dann diesen Anteil anpassen und langsam steigen lassen, solange dadurch keine Engpässe im neutralen Internet entstehen. Nationale Lösungen sind natürlich nur ein Anfang und für das Internet als solches nicht ausreichend, aber es wäre ein Anfang und ein Modell, dessen Erfahrungen andere Staaten bei ihren Entscheidungen berücksichtigen könnten. Eine EU-weite oder gar globale Lösung als ersten Schritt zu fordern ist utopisch und naive bis dumm. Wer an dieser Stelle den Dammbruch beschreit, sollte sich bewusst machen, dass er sich damit auf eine Stufe mit Abtreibungsgegnern und PID-Verweigerern stellt. Nur um Missbrauch zu verhindern, muss man keine Technik verteufeln.

Bleibt ein Wehrmutstropfen: das Internet wird teurer werden. Der Preiskampf um Internetkunden kann nicht ewig anhalten. Die aktuellen Investitionen reichen nicht aus um den Datenhunger der Bürger zu stillen. Wenn wir also die Zusatzeinnahmen durch Monopolisierung verhindern wollen, müssen wir mit der Konsequenz leben, dass die Investitionen von uns Endkunden gezahlt werden müssen. Ob dies durch teurere Flatrates, Volumentarife oder Abriegelung der Bandbreite nach Überschreiten einer bestimmten Monatsdatenmenge (siehe Mobilfunk), bleibt abzuwarten. Ich bin bereit diesen Preis zu zahlen, den eine absolute Netzneutralität übrigens ebenfalls mit sich bringen würde.

P.S.: Da ich beim Thema „Dammbruch“ schon die Netzsperrenkarte antizipiere: wären Netzsperren tatsächlich ein technisch sinnvolles Mittel um Kriminelle zu stoppen, würde ich auch Netzsperren befürworten. Allein die vollkommene Nutzlosigkeit von Netzsperren bei der Verhinderung von Kindesmissbrauch und ihre Unverhältnismäßigkeit bei anderen Zielen macht mich zum Netzsperrengegener.

Logo: laut Wikimedia Commons gemeinfrei.

4 Gedanken zu „Allein die Menge macht das Gift

  1. Hi,

    Echtzeitanforderungen müssen nicht ausgeschlossen werden, um eine sinnvolle Netzneutralität zu gewährleisten. Entscheidend ist, dass die User die Wahl haben. Wenn ich für meinen Zugang mehr Bandbreite will, bin ich auch bereit mehr zu bezahlen. Ebenso ist es in Ordnung, wenn ISPs für Merkmale wie geringe Latenz mehr berechnen. Entscheidend ist, dass der Kunde die Auswahl trifft und die Art der übertragenen Daten keine Rolle spielt (keine „Deep Packet Inspection“).

    Gruß,

    Holger

  2. Ich glaube die Vorstellung, dass eine gesetzliche Verankerung von Netzneutralität (im TKG) garantieren würde, dass es keine Diskriminierung im Internet gibt, könnte etwas blauäuigig sein.

    Ich sehe einfach die Gefahr, dass wir hier wieder mal schnell was regeln, das das Ziel nicht verwirklicht, aber unerwünschte Nebeneffekte hat.

  3. @Holger:
    Schöner Kommentar. Zwei Anmerkungen: Nur mit mehr Bandbreite und kürzerer Latenz kann man keine harten Echtzeitgarantien geben. Das lässt sich nur über verbindungsorientierte Netzwerke oder Dienstklassen in paketorientierten Netzwerken (Internet) realisieren. Wichtig ist, dass es eine Aufsicht gibt, die dafür sorgt, dass der Kunde nicht nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hat.

    @Stadler:
    Wenn man da wirklich nur reinschreibt „Das Netz ist neutral“, wäre das eine handwerkliche Katastrophe. Dass Regierungen durchaus in der Lage und willens sind handwerklichen Unsinn zu verabschieden, haben wir leider mehr als nur einmal erlebt (man siehe sich nur den Verlauf der Pfandquote in Deutschland an oder den Irrsinn der Netzsperren).
    Ich bin aber fest davon überzeugt, dass Juristen mit technischen Beratern in der Lage wären, eine Gesetzesänderung zu formulieren, die tatsächlich wirksam und nebenwirksams arm ist.
    Wenn Sie Interesse haben, wäre es mir eine Freunde mit Ihnen eine Gesetzesvorlage für die Bundesregierung zu erarbeiten. Dann muss nicht schon wieder die Industrie die ganze Arbeit machen 😉

  4. Pingback: T-Drossel und Netzneutralität | Tannadors Logbuch

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