Das mit der Vorhaut

Altertümliche Beschneidungsszene

Leider kann niemand sagen, wie sich ein Kind als Erwachsener entscheiden würde.

Ein Richter spricht einen Arzt frei, der einen Jungen beschnitten hat. Allerdings nicht mit der Begründung, dass dies keine Körperverletzung sei, sondern dass der Arzt nicht wissen könne, dass es eine Körperverletzung sei, da es bisher nicht geahndet würde. Mit diesem Freispruch aufgrund eines Verbotsirrtums, wurde die Beschneidung von Jungen in Deutschland als Körperverletzung deklariert.

Die Reaktionen waren zu erwarten. Die einen sehen die Religionsfreiheit in Gefahr und die anderen die körperliche und seelische Unversehrtheit des Kindes. Beides sind Güter, die das Grundgesetz schützt.

Ich wollte mich eigentlich gar nicht öffentlich zu diesem Thema äußern, weil es schon genug Leute gemacht haben, aber da die Diskussion einfach nicht aufhören will und selbst zivilisiertere Teile meiner Twitter-Timeline immer aggressiver gegeneinander anargumentieren, habe ich beschlossen doch ein paar Zeilen zu schreiben.

Meiner Meinung nach sind beide Grundrechte extrem wichtig und ich kann mich weder für die eine noch die andere Seite entscheiden. Den meisten Befürwortern muss ich vorhalten, dass sie mit den Rechten der Eltern argumentieren, was – mit Verlaub – vollkommener Blödsinn ist. Den Kritikern muss ich vorhalten, dass es zu kurz gedacht ist, sich nur um die negativen Folgen der Beschneidung zu kümmern, aber die negativen Folgen der Nichtbeschneidung zu vernachlässigen. Ich sehe hier die Grundrechte des Kindes in Konflikt: es hat das Recht in einer Religionsgemeinschaft aufzuwachsen und somit soziale Zugehörigkeit zu erfahren und gleichzeitig das Recht körperlich unversehrt zu bleiben.

Es läuft alles auf eine Verhältnismäßigkeitsabwägung hinaus: ist es schlimmer einem Kind das Aufwachsen gemäß den Regeln seiner Religionsgemeinschaft zu verbieten oder seine körperliche und seelische Unversehrtheit irreparabel zu verletzen? Die Nachteile der Beschneidung sind wohl klar; die Vorhaut ist weg und es wird wohl nicht sonderlich angenehm sein. Die Nachteile der Nichtbeschneidung sind etwas diffuser. Entweder halten sich die Eltern an das Verbot, dann ist das Kind in den Augen mancher kein Teil der Religionsgemeinschaft, was zu Ausgrenzung und Stigmatisierung führen kann. Dies kann sich sogar auf die gesamte Familie auswirken und die „Schuld“ dafür könnte sich das Kind selbst geben. Oder die Eltern brechen das Verbot und werden dafür bestraft. Für die Strafe könnte sich das Kind ebenfalls schuldig fühlen und seine Unversehrtheit wäre auch dahin. Welche Situation hat mehr Potential dem Kind zu schaden? Ich weiß es nicht.

Was gerade passiert ist das schlimmste, was meiner Meinung nach passieren kann. Der Gesetzgeber meißelt aus Überzeugung oder politischer Korrektheit die Erlaubnis zur Beschneidung in Stein. Ich hätte es viel besser Gefunden, wenn das Ganze an das Bundesverfassungsgericht gegangen wäre; das sind die Spezialisten für Abwägungen von Grundrechten. Dieses Gericht hat außerdem die Möglichkeit in zehn Jahren bei der nächsten Klage zu überprüfen, ob sich die Lebensumstände in Deutschland so verändert haben, dass eine Revidierung der Entscheidung notwendig ist. Die Gesellschaft ändert sich und damit auch die Verhältnismäßigkeit. Was heute noch eine religiös-soziale Ausgrenzung und Traumatisierung begründen könnte, könnte in zehn Jahren bereits deutlich unproblematischer sein. Andersherum könnte eine unerwartet starke soziale Spaltung der Gesellschaft die Rücknahme eines Verbotes notwendig machen. Die Fähigkeit dies so unabhängig wie nur irgend möglich zu entscheiden hat allein das Bundesverfassungsgericht, das sich um Wahlen und das Ansehen Deutschlands in der Welt in erster Linie keine Gedanken machen muss. Wenn der Gesetzgeber hier erst mal aktiv geworden ist, wird die gesellschaftliche Entwicklung eingefroren.

Das Bild ist laut Wikipedia gemeinfrei.