Kein Internet auf der Arbeit

Update

Sven hat seinen Blogartikel gelöscht. Auf Nachfragen antwortete er nur, dass er jetzt erstmal Urlaub braucht. Ich resprektiere das und hoffe, dass er sobald er wieder die Kraft dazu hat, zumindest erläutert warum er den Artikel aus dem Netz genommen hat. Falls nicht, respektiere ich auch das.

Das Problem

Sven Sladek (@DerFizz), seines Zeichens Vorsitzender der PIRATEN NRW, hat von seinem Arbeitgeber das Internet abgedreht bekommen – zumindest die Teile, die irgendwie mit der Piratenpartei zu tun haben. Das ist durchaus verständlich, da seine Arbeitsleistung nach eigenem Bekunden gegen 0 lief; Fizz hat „vollstes Verständnis für [seinen] Arbeitgeber“ und bittet um Lösungsvorschläge.

Lösung A: Rücktritt – der nächste Bitte

Die Lösung ist naheliegend: wenn man Job und Amt nicht unter einen Hut kriegt, muss eins davon gehen. Da es noch keine BGS / kein BGE gibt, bleibt da wohl nur sich beim Arbeitgeber für die fehlende Leistung zu entschuldigen, das Amt niederzulegen und dem Job wieder die versprochene Aufmerksamkeit zu schenken.

Das wäre vielleicht eine – höchst unzufriedenstellende –  Lösung für Fizz, aber noch keine für die PIRATEN; sein Nachfolger hätte potentiell das gleiche Problem.

Lösung B: Ponadern

Fizz könnte natürlich auch beweisen, dass er nur für die Partei lebt, und auf einen sicheren Listenplatz spekulieren; er kandidiert ja schließlich schon. Bis zur Wahl könnte er von ALG I leben oder sich crowd-funden lassen. Während ich letzteres für vollkommen legitim halte (auch bei Ponada, dessen Selbstdarstellertum ich sonst überhaupt nicht mag), ist ersteres ein Missbrauch von Solidarität. Es gibt noch kein BGS / BGE in Deutschland und es ist schlicht asozial und undemokratisch für sich Leistungen zu verlangen, welche die Allgemeinheit in einem demokratischen Verfahren nicht gewährt hat. Empfänger von Arbeitslosengeld mögen keinen Arbeitsplatz haben, aber dennoch haben sie eine Aufgabe: sich mit allen zumutbaren Mitteln eine neue Erwerbsarbeit suchen. Dazu gehört Bewerbungen schreiben, Stellenangebote durchzuarbeiten, Personalabteilungen proaktiv zu kontaktieren und vor allen sich selber weiter zu Qualifizieren, so dies denn möglich ist. Die Schlussfolgerung, dass jemand ohne Job 80 Stunden pro Woche für die Piraten arbeiten kann ist unehrlich, weil die Rechnung nur aufgeht, wenn derjenige seine Pflichten gegenüber der Solidargemeinschaft vernachlässigt. Ich befürworte eine BGS, aber zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gehört auch, dass man Regeln, die man (noch) nicht ändern kann, respektiert.

Schlussendlich bleibt dann die Frage, ob die PIRATEN NRW ein MdB als Vorsitzenden akzeptieren (ich sehe da kein Problem, andere sehr wohl) oder wir als Piraten die Vorstände tatsächlich finanziell in der Crowd-Funding-Luft hängen lassen wollen; letzteres zeichnet für mich kein Bild einer solidarischen Gemeinschaft.

Lösung C: Bezahlen

Das ist der Punkt, den ich am ehesten aus dem Blogpost von Fizz herausgelesen habe. Lasst uns doch endlich den Vorstand bezahlen und professionelle Politik machen. Im Prinzip eine gute Idee, die jedoch mit einigen Haken daher kommt.

  • Wir sind chronisch klamm. Die letzte Schatzmeisterin hat uns in NRW ein riesen Chaos hinterlassen, dass jetzt mit viel Engagement vom neuen Finanzteam aufgearbeitet wird. Es stehen 2013 eine Bundestagswahl und 2014 eine Kommunalwahl vor der Tür, deren Wahlkämpfe viel Geld verschlingen werden.
  • Wie soll solch ein Gehalt bzw. solch eine Aufwandsentschädigung aussehen? Bekommt der ganze Vorstand einen Einheitssold, orientieren wir uns am letzten Gehalt (ein Art Piraten ALG) oder wollen wir einen zwei Klassen Vorstand mit bezahlten und ehrenamtlichen Kräften?
    Am ehesten wird wohl eine Aufwandsentschädigung durchsetzbar sein, die es den Vorständen finanziell erlauben würde in Teilzeit zu gehen. Bei unserer aktuellen Diskussionskultur wird das aber frühestens 2015 beschlossen 🙁
  • Die finanzielle Unsicherheit bleibt, selbst wenn wir Vorstände bezahlen. Bei einer Mandatszeit von etwa einem Jahr, kann sich wohl kaum jemand erlauben seinen Job zu kündigen.

Wir werden irgendwann den Punkt erreicht haben, an dem wir endlich vollamtliche Parteiämter finanzieren können. Ich sehe diesen Punkt aber noch nicht erreicht.

Lösung D: Delegieren

Lieber Fizz, das hier ist mein Vorschlag. Ich glaube es ist der einzige, der jetzt sofort funktionieren kann, aber er braucht Mut und Selbstbeherrschung.

Die Vorstände müssen arbeit delegieren. Sie brauchen viele fleißige Hände, die ihnen zuarbeiten und gleichzeitig die Kommunikation niedrig halten. Das bedeutet aber auch einen gewissen Kontrollverlust für jedes Vorstandsmitglied. In den Kommentaren zu seinem Blogpost schreibt Fizz, dass das nicht funktioniert; ich behaupte, es wurde noch nie richtig versucht. Der größte Feind des Vorstands ist der Vorstand selbst, weil er sich selber zu viel Arbeit aufhalst. Hier mein 4 Punkte-Plan:

  • Team: jedes Vorstandsmitglied stellt sich in Eigenregie ein Team zusammen, da hat niemand reinzureden, weil es um persönliches Vertrauen und direkte Zusammenarbeit geht. Sollte mein Plan schon an dieser Stelle scheitern, weil sich nicht genug Leute für die Arbeit finden, dann sind wir am Arsch und Gernot Hassknecht hat recht.
  • Kommunikationsfilter: Vorstände müssen nicht 24/7 für jeden Pups erreichbar sein. Das Team bekommt zwei Emailverteiler (öffentlich und vertraulich), an die sich jeder richten kann; der Vorstand bekommt eine Zusammenfassung der wichtigen Dinge und kann nach belieben stöbern, falls denn mal wirklich Zeit übrig ist. In späteren Ausbaustufen sind auch professionellere Ticketsysteme denkbar, damit das Team sieht, welche Emails von wem bearbeitet werden. Es gibt wohl ausreichende Auswahl an Groupware-Tools, die all das möglich machen.
  • Hürden und Schranken: Ein „mal eben kurz“ ist nicht schlimm; 1000 sind es. Piraten sind Laberbacken und halten sich und ihre Meinung gerne für etwas wichtiger als der Rest der Welt das tut. Um den aktuellen Zustand, den man wohl als unabsichtlichen dDoS-Angriff bezeichnen kann, zu verbessern gibt es einfache Wege:
    • Beschränkt die Anzahl der Zeichen, die in einem Vortrag vorkommen dürfen; zwingt die Leute prägnant zu sein.
    • Behandelt zuerst die Anträge, welche im Vorhinein die meisten Unterstützer gesammelt haben.
  • Piratenfreizeit: jeder Vorstand legt gewisse Zeiten fest und veröffentlicht diese, zu denen er nicht für die Partei erreichbar ist. Wenn Vorstände sich selber ausbrennen, bringt es langfristig niemandem etwas. Auch persönliche Bekannte müssen gebeten werden, diese Zeiten zu respektieren, damit Job und Familie nicht untergehen.

Jedes Vorstandsmitglied muss sich etwas schonen, jeder Basispirat muss lernen, dass er nicht der Nabel der Welt ist. Das System muss skalieren.

P.S.: Ich habe diesen Artikel gestern begonnen und heute in meiner Mittagspause fertiggestellt. Mehr würde ich auch von einem Vorstandsmitglied nicht verlangen.