Unbelauschtes Tanken

„Ha, Kameras! Das ist doch nichts. Hier wird man jetzt schon abgehört.“

Das ist sinngemäß, was mir der Verkäufer der Shell Tankstelle in Erkelenz erzählte und dabei auf einen kleinen schwarzen Knubbel in der Decke neben der Überwachungskamera deutete. Das war erstmal komisch, aber ich zahlte nur und ging meiner Wege. Ist sowas überhaupt erlaubt? Was kann man dagegen tun?

Ich wandte mich per Twitter an die Aachener Piraten, mit denen ich bereits in Kontakt stand und die gerade passenderweise einen AK Überwachung gegründet hatten. Die luden mich zwar freundlich zu sich ein, waren aber ansonst scheinbar mit Aachen ausgelastet und fühlten sich für Erkelenz nicht richtig zuständig. Also blieb das Ganze erstmal liegen.

Dann jedoch laß ich diesen Artikel von Thomas Stadler und stolperte über folgenden hilfreichen Satz: „Das unbefugte Aufnehmen des nichtöffentlich gesprochenen Worts, wie auch das Gebrauchmachen von einer solchen Aufnahme, ist danach grundsätzlich strafbar.“ Dabei geht es um §201 StGB „Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes“. Es gab also tatsächlich etwas, das man tun konnte!

Anstatt jetzt zur Polizei zu gehen, die Justiz zu belasten und unter Umständen einen riesen Aufriss wegen eines Missverständnisses / schlechten Scherzes zu machen, wollte ich erstmal persönlich nachfragen, ob wirklich Tonaufnahmen gemacht würden und ob man sich der Strafbarkeit bewusst sei.

Das Internet verrät: die Shell Station wird von der Heinz Meurer GmbH betrieben. Mein Google-Fu brachte jedoch nur Adressen und Telefonnummern von Tankstellen hervor, keine Firmenzentrale; vielleicht lag es auch an mir. Daher schrieb ich am 22.10.2010 eine Mail an die Pressestelle der Shell Deutschland AG, in der ich um Aufklärung der Umstände bat. Bereits am 28.10.2010 erhielt ich eine persönliche Antwort von Cornelia Wolber – Pressesprecherin Shell Deutschland, Österreich, Schweiz – per Email, in der sich mich zu einem klärenden Telefongespräch einlud und sich sehr freundlich für die Verzögerung entschuldigte; der Pächter sei in Urlaub gewesen.

Einen Tag später rief ich Frau Wolber an und war zunächst positiv überrascht, direkt die gewünschte Gesprächspartnerin und kein Call-Center zu erreichen. Sie teilte mir mit, dass die zuständige Bezirksleiterin am 28.10.2010, die entsprechende Filiale besucht habe und dort tatsächlich ein Mikrofon vorgefunden habe. Der Pächter habe jedoch vorführen können, dass keine Tonaufzeichnungen angefertigt würden, und habe versichert, dass das Mikro bereits vom Vorgänger vor über sechs Jahren installiert worden sei. Des Weiteren sei vor den Augen der Bezirksleiterin das Mikrofonkabel durchtrennt worden und zusätzlich eine Technikfirma mit der vollständigen Unbrauchbarmachung beauftragt worden. Ich nehme an, das heißt, dass Mikro und Kabel vollständig demontiert werden.

Ich kann selbstverständlich nicht überprüfen, ob alle Aussagen korrekt sind, und sowohl Shell als auch der Pächter hätten allen Grund Tonaufzeichnung zu verschleiern, falls sie denn tatsächlich stattgefunden hätten. Dennoch will ich – im Zweifel für den Angeklagten – das so akzeptieren.

Mein Fazit ist geteilt:

  • Wäre eine Emailadresse des Pächters im Internet (leichter) zu finden gewesen, wäre der – sicherlich unangenehme – Besuch der Bezirksleiterin zu vermeiden gewesen.
  • Shell reagiert schnell, höflich und umfassend. Ich bin positiv überrascht! Noch am Tag der Überprüfung ging die Mail an mich raus und Frau Wolber bedankte sich mehrfach bei mir für den Hinweis und forderte mich auf ähnlich Vorfälle ebenso zu melden.
  • Frau Wolber sprach das gesamte Telefonat über nur von „Datenschutz“ jedoch nie von „Straftat“ und ließ meine Aussagen dazu unkommentiert; wahrscheinlich ein Pressesprecher-Ding. Ich habe nicht weiter drauf herumgeritten.
  • Warum hat mir der Angestellte erzählt, das Mikro sei neu? Habe ich ihn falsch verstanden? Hat er was falsch verstanden? Ich habe das Mikro nie zuvor bemerkt, obwohl ich regelmäßiger Kunder dieser Tankstelle war, als ich meinen Wohnsitz noch in Erkelenz hatte. Genauso muss ich aber zugeben Minutenlang unter dem Mikro gestanden zu haben ohne es zu bemerken. Erst der Fingerzeit des Angestellten lenkten meine Aufmerksamkeit gen Decke. Seitdem halte ich an allen Kassen – aus Neugier nicht aus Paranoia – Ausschau nach versteckten Kameras und Mikrofonen.
  • Wenn dich etwas stört, frag einfach mal nett nach. Die wochenlange Warterei, ob sich die Piraten nicht meines Problems annehmen, war in Retrospektive fast selbstentmündigend.

Ich wünsche unbelauschtes Tanken.

Addendum: Gestern (1.11.2010) habe ich beim Kauf eines koffeeinhaltigen Kaltgetränks feststellen können, dass das Mikro demontiert wurde.

Foto: CC BY-SA 2.0 x-ray delta one (flickr.com)

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