Warum der Papst eben doch in den Bundestag gehört

Gerade kochen wieder mal die Gemüter etwas hoch und beweisen, dass Papstgegner mindestens genauso fundamentalistisch sein können, wie „christliche“ Abtreibungsgegner und Schwulenhasser im Süden der USA.

Der Auslöser

war wohl dieser Beitrag von Rolf Schwanitz, in dem er seine Ablehnung gegenüber der Papstrede im Deutschen Bundestag zum Ausdruck bringt.

Ich stimme ihm absolut zu, dass der Bundestag ein ungeeigneter Ort für einen religiösen Führer ist und schließe mich der Papstkritik (sexistischer Monarch, der mit seinem Handeln AIDS und Ausbeutung fördert) vollumfänglich an. In meinen Augen ist die katholische Kirche ein schädliches Relikt einer vergangenen Zeit und der Papst die verkörperte Verballhornung von Nächstenliebe und Menschenrechten. Eine Schlussfolgerungen, die Herr Schwanitz zieht, kann ich hingegen nicht nachvollziehen. Der Bundestag wird kein Ort christlicher Missionierung werden; es findet keine Massentaufe und auch kein Gottesdienst statt. Der Papst hält eine Rede. Dennoch schließe ich mich Herrn Schwanitz an: ich finde es nicht gut, dass der Papst diese Gelegenheit bekommt.

Die Reaktionen

In sozialen Netzwerken – besonders Twitter – köchelt es deshalb gerade etwas. Als Beispiel habe ich mir zwei Tweets von @sa7yr herausgepickt, weil sie die ersten waren, die mir in die Timeline fielen und mich aufgrund ihres blinden Fundamentalismus abschreckten:

„Katholiken sind Antidemokraten. Warum der scheiß Papst nicht in den Bundestag gehört: http://hpd.de/node/11943 Lesen!“

@Stefan51278 du solltest die Rede des Papstes im Bundestag nicht unterstützen,selbst wenn du ein Papstfreund bist. Das ist deine Privatsache“

Ist das die Aufgeklärtheit und Tolleranz, die der katholischen Kirche fehlt? Da wird direkt behauptet, der Papst gehöre nicht in den Bundestag. Das ganze wird fälschlicherweise mit dem Artikel von Herrn Schwanitz begründet und ganz im Geist der Aufklärung und Toleranz mit einer Beleidigung garniert. Bedeutende Humanisten wären stolz auf diese intellektuelle Glanzleistung. Was @sa7yr nur leider übersieht ist, dass es einen Unterschied macht, ob man einen Redner ablehnt oder dem Gastgeber das Recht abspricht den Redner auszuwählen. Herr Schwanitz handelt vollkommen legitim, wenn er sachlich begründet, warum er diesen Vorgang für falsch hält und ihm deshalb fern bleibt. @sa7yr hingegen verhält sich selber antidemokratisch, wenn er dem Bundestag das Recht abspricht, seine Gäste selber auszusuchen. Es gehört nunmal dazu, dass in einer Demokratie die Mehrheit entscheiden darf, solange unveräußerliche Rechte einzelner nicht verletzt werden. Das Zitat „Die Verfassung, die wir haben […] heißt Demokratie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf die Mehrheit ausgerichtet ist.“ (Thukydides Peloponnesischer Krieg, 2, 37) gilt auch dann noch, wenn die Mehrheit glaubt, dass ein Mann im Kleid mit einem mächtigen, unsichtbaren Wesen sprechen kann. Weil der Bundestag sich nunmal für die Rede ausgesprochen hat, gehört der Papst genau dort hin. Das muss man auch als Papstgegner akzeptieren können.

Der andere Tweet lässt mich fast an der geistigen Gesundheit des Autors zweifeln. Da wird einem anderen Menschen geraten (um es freundlich auszulegen), die Papstrede nicht zu unterstützen, weil das Privatsache sei, während er selber aus allen Rohren gegen die Rede schießt. Ist Religion nur dann privat, wenn man Christ ist? Warum sollten unterschiedliche Regeln für Atheismus / Agnostizismus gelten als für das Christentum? Das ist doch total schizophren.

Diese Mischung aus eigener Überheblichkeit und doppelten Standards bilden die Grundlage für Fundamentalismus. Es wird kein Diskurs mehr gesucht. Stattdessen wird die eigene Meinung als einzige gültige Wahrheit propagiert, andere Meinungen als irrelevant deklariert und der vermeintliche Gegner beschimpft und herabgewürdigt.

Ich bin gegen die Papstrede, aber wenn ein demokratisch legitimierter Bundestag den Papst einlädt, muss man das als Demokrat respektieren. Alles andere wäre Heuchelei. Niemand hat die Pflicht sich die Rede anzusehen und niemand hat das Recht dem Bundestag vorzuschreiben, wen er einzuladen hat.

2 Gedanken zu „Warum der Papst eben doch in den Bundestag gehört

  1. Ui, da hat aber jemand einiges nicht verstanden.

    Wenn heute 55% der Bürger gegen Menschenrecht x sind, dass muss ich das also auch respektieren?

    Säkularisierung ist keine demokratische Entscheidung, sondern Voraussetzung für Freiheit im Staat.

    • „Es gehört nunmal dazu, dass in einer Demokratie die Mehrheit entscheiden darf, solange unveräußerliche Rechte einzelner nicht verletzt werden.“
      Ich betrachte Menschenrechte als unveräußerlich; man kann mir natürlich einfach eine andere Position unterstellen und diese dann argumentativ zerlegen.
      Außerdem bezweifle ich stark, dass eine Papstrede in der Lage ist, den Katholizismus zur Staatsreligion zu erheben.

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